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Das erste BarCamp in Äthiopien: Blogosphäre, eLearning und One Laptop per Child – ein Interview
LoadBlog: Um ein Bild von der Situation in Äthiopien zu bekommen: Wie ist überhaupt die Versorgung mit Computern und Internet? Benutzen viele Menschen das Netz?
Jörn Schultz: Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist der Anteil der Internet-Nutzer sehr gering. Ungefähr 80% der Menschen wohnen auf dem Land, weitgehend ohne Zugang zu Informations-Technologien, und auch die Analphabeten-Rate ist extrem hoch, über 50%. Sogar in den Städten können sich nur die allerwenigsten einen Computer leisten, und die Internet-Bandbreite, die in Äthiopien zu Verfügung steht, ist äußerst knapp bemessen (derzeit insgesamt ca. 1 GBit/s für das ganze Land [also im Umfang von 20 guten DSL-Verbindungen]). Dazu kommt, dass die Verbindung noch sehr teuer und instabil ist. Es werden immer mehr Internet-Cafés in größeren Städten eröffnet, die aber auch nur sehr langsame Verbindungen anbieten können. Wenn Internet von normalen Bürgern also genutzt wird, dann in kurzen und unregelmäßigen Sitzungen. Die Medienkompetenzen sind dementsprechend allgemein noch sehr gering. eMail und Facebook sind meines Erachtens die beliebtesten Dienste.
Gibt es denn eine Art IT-Industrie in Äthiopien, junge Start-ups, Agenturen usw. ?
Einer der Themen-Vorschläge für das BarCamp ist die äthiopische Blogosphäre. Gibt es viele Blogs in Äthiopien, womit beschäftigen sie sich?
Blogs sind noch relativ unbekannt in Äthiopien, außerhalb einer kleinen interessierten Gemeinde. Die gebloggten Themen sind unterschiedlich, aber vor allem betreffen sie persönliche und gesellschaftliche Beobachtungen aus dem Alltag. In unserem Programm versuchen wir auch, Blogs als eines der kollaborativen Werkzeuge für den Lernprozess einzuführen. Für das BarCamp bereitet eine Gruppe von lokalen Bloggern ein paar Sessions vor – sie wollen sich zum einen besser untereinander vernetzen, und zum anderen auch die Öffentlichkeit näher mit diese Form des “Bürger-Journalismus” vertraut machen. Ein anderes Session-Thema ist, welchen Einfluss Diaspora-Blogs aus den USA und Europa auf die lokale Wahrnehmung und Diskussion haben.
Ein BarCamp zum Thema eLearning in Äthiopien – sind in Äthiopien nicht andere Probleme dringlicher? Wo siehst du das Potential von eLearning?
eLearning wird aber nur eines der vielen Themen vom BarCamp Ethiopia sein. Offizielles Motto des BarCamps ist “New Learning | New Thinking | New Behavior”. Wir wollen, dass die Teilnehmer erfahren, dass sie durch eigene Initiative, kreatives Denken und Zusammenarbeit viel mehr erreichen können, als wenn sie auf Hilfe und Anweisungen von anderswo warten. Technologie kann ein effizientes Werkzeug sein, aber die Hauptsache ist die Einstellungsänderung und die verstärkte Zusammenarbeit. Die bisher vorgeschlagenen Beiträge können auf der Barcamp Ethiopia Wiki-Seite eingesehen werden. Jeder ist übrigens herzlich eingeladen, im September teilzunehmen!
Wie kam es überhaupt zu der Idee, das BarCamp anzusetzen?
Die Idee des Barcamps entsprang einerseits unserem Wunsch, den Mitgliedern der virtuellen Community, die wir hier angestoßen haben (elearningethiopia.ning.com), eine Gelegenheit zum physischen Aufeinandertreffen zu geben. Andererseits basiert unser Vorhaben in den Universitäten – also die Etablierung von digital unterstütztem, studentenzentriertem, aktivem und kollaborativem Lernen – auf denselben Prinzipien wie das BarCamp-Konzept, d.h. Eigeninitiative, kreative Auseinandersetzung und Zusammenarbeit. Das BarCamp ist ein Weg für uns, den Sinn dieser Ideen für jeden praktisch erfahrbar zu machen. Und deshalb haben wir auch die Form des BarCamps gewählt, und keine herkömmliche Konferenz.
Was erhoffst du dir von dem BarCamp?
Ich hoffe, dass es eine spannende, lehrreiche und unterhaltsame Veranstaltung wird. Es wäre schön, wenn die Teilnehmer mit neuen Ideen und neuen Kontakten nach Hause gehen, die für längerfristige Projekte und Partnerschaften die Grundlage bilden können.
Das Programm, bei dem du arbeitest, betreut auch das One-Laptop-Per-Child-Projekt in Äthiopien. Was hältst du von dem Projekt?
Das One-Laptop-Per-Child-Projekt (OLPC) ist eine positive und innovative Initiative, die Bewusstsein vom Bedarf, dem Potential und der praktischen Möglichkeiten des Einsatzes von IT für Bildung auch in ärmeren Länder geschaffen hat. Nichtsdestotrotz zeigt die Realität, dass die OLPC-Idee, sich auf das einfache Austeilen von Laptops zu beschränken, nicht ausreicht. Damit die Laptops effizient von Kindern auch in der Bildung benutzt werden können, müssen außerdem, besonders in einem Land wie Äthiopien, Dinge wie Stromversorgung, Reparatur und Lehrer-Training nachhaltig organisiert werden. Genau mit diesen Interventionen beschäftigt sich deshalb unsere Abteilung vom ECBP. Unser Konzept “Innovative Learning” enthält ausgerechnet bei OLPC fehlende Interventionen wie Lehrer-Training, Local Ownership und Monitoring der Lernergebnisse der Schüler. Alle drei Aspekte fehlen bei OLPC oder werden dort sogar explizit negiert. An Lösungskonzepten für diese Probleme wird derzeit in vielen Projekten weltweit gearbeitet. Den Initiatoren von OLPC kann man zugutehalten, dass sie diese Entwicklung angestoßen haben.
Das BarCamp findet am 17. und 18. September 2010 auf dem EiABC-Campus in Addis Abeba statt.
Die offizielle Einladung auf barcamp.org